2) Family Type House in Божурище

Es handelt sich bei dem Family Type House um ein Einfamilienhaus, in dem in etwa zehn Kinder im Alter von 9 bis 16 Jahren wie eine große Familie leben.
Geprägt durch schwierige familäre Verhältnisse tragen die Kinder viel Wut und Frustration in sich, den sie an anderen auslassen möchten. Als Freiwillige versuche ich sie durch sportliche Aktivitäten und kreative Arbeit abzulenken und ihre Wut zu kompensieren. Es gelingt nicht immer, aber gerade die kleinen Erfolge sind wichtig. Beispielsweise mache ich mit der Kleinsten jedes Mal ein bisschen Mathematik. Es ist mittlerweile fast schon zu unserem Insider geworden. Und ich merke, dass sie großes Interesse hat, mehr zu lernen. Jedes Mal ist das ein sehr besonderer und kostbarer Moment. Ein anderes Beispiel für kleine, aber wertvolle Momente ist ihre Schwester. Sie lässt sich zwar nicht von Schulthemen beeindrucken, hat aber jedes Mal großes Interesse, Bilder auszumalen. Manchmal vergehen Stunden, in denen wir zusammen am Tisch sitzen und malen. Während des Malens ist es mir dann immer besonders wichtig über die Hobbies und Talente der Kinder zu reden, denn leider haben sie meistens ein eher negatives Bild von sich.
Insgesamt verlangt die Arbeit mit Romafamilien sehr viel Kraft und Geduld. Das Temperament, das die Kinder in sich tragen, macht sie auch zu den lustigen und herzlichen Menschen, die sie sind. Ihre Spontanität und Gelassenheit können durchaus auch zu ihren Stärken werden.

1) Day Care Center: Streit und Insider

Sonntag bis Donnerstag. Das sind meine Arbeitszeiten während meines FSJs. Davon widme ich Dienstag, Mittwoch und Donnerstag dem sogenannten „Day Care Center“. Nach den ersten paar Wochen, in denen ich meinen Sprachkurs gemacht und mich eingelebt habe, habe ich in dem Zentrum besonders viel Zeit verbracht. Es befindet sich unter anderem auch in dem Gang, wo ich wohne. Kinder aus sozialschwierigen Familien können hierher kommen, um ganz einfach mit anderen Kindern in einem geschützten Rahmen zu spielen oder um Alltägliches zu erledigen wie beispielsweise zu duschen (jedes der Kinder duscht hier wöchentlich zwei Mal). Die Anzahl der Kinder varriert täglich stark, zwischen einem und zehn Kindern im Alter von vier bis 12 Jahren. Dabei werden sie zumeist 1:1 betreut.

Am Anfang habe ich mich über die hohe Anzahl der Betreuer gewundert, doch im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass sie benötigt wird. Kleinere Prügeleien und vulgärer Sprachgebrauch sind Alltag unter den Kindern. Anfangs war es für mich persönlich sehr überfordernd, doch im Laufe der Zeit gewöhnt man sich dran. Viele der Kinder suchen nämlich unter anderem auf diese Weise nach Aufmerksamkeit. Umso wichtiger ist dann eine ruhige und nicht dramatische Reaktion. Dabei konnte ich oft sehen, dass Geschwister größere Macht haben. Gerät das Geschwisterkind in einen Streit, unterstützt das andere es. Das schüchtert die anderen Kinder natürlich ein. Bekomme ich einen Streit mit, versuche ich ihn natürlich sofort soweit es geht zu schlichten, doch die Realität ist, dass sich die Kinder zu 95% aller Situationen nichts von einem Freiwilligen sagen lassen. Da hilft dann nur das Machtwort einer der Erzieher.

Dennoch ist dieses Projekt das Projekt, das zur Zeit für mich persönlich am besten läuft. Mit einigen Kindern konnte ich Insider entwickeln und habe bestimmte Gesprächsthemen. Das sind immer die allerbesten Momente, denn nicht nur sie freuen sich, dass ich mich für sie interessiere und mir zum Beispiel gemerkt habe, wieviele Geschwister sie haben, sondern das ist auch der Moment, wo man als Freiwilliger ein „Danke“ erhält. Und obwohl es meist nur ein indirektes Lob ist, ist es das worüber man sich am meisten freut und welches man nicht vergisst.

Was ich so in den ersten 2 Wochen gemacht habe…

Die ersten zwei Wochen in meinem neuen Zuhause waren durchwachsen: Es gab sowohl Momente, in denen ich am liebsten wieder 26 Stunden nach Deutschland gefahren wäre, aber auch Momente, die ich richtig genießen konnte.

Gerade in den ersten Tagen, habe ich mich nicht wie zu Hause gefühlt und wollte lieber gar nicht daran denken, ab jetzt ein ganzes Jahr hier zu verbringen. Die Gründe dafür? Die gab es eigentlich nicht. Es war eher ein Gefühl. Ein Gefühl, das mir sagte, dass ich hier nicht sein sollte. Doch meine Vernunftsstimme hat mir ständig gesagt, dass es normal ist, dass aller Anfang schwer ist und dass es Zeit braucht, sich vollständig an ein neues Zuhause zu gewöhnen.

Nach den ersten paar Tagen, die eher von negativen Gefühlen geprägt waren, fing ich nach und nach an, mich in meiner neuen Stadt umzuschauen. Sie war gar nicht so schlimm, wie ich anfangs dachte, bemerkte ich. Mit einem eher neutralen Gefühl, fing ich an, Schritt für Schritt alles zu erkunden. Und da gab es einiges, denn schließlich ist Sofia eine 1,3 Millionenstadt und hat einiges zu bieten: Viele wunderschöne Bauten, zahlreiche Ausgehmöglichkeiten und eine große Naturvielfalt. Das war der Moment, in dem mich Bulgarien für sich gewinnen konnte. Ich habe großes Interesse an meinem neuen Wohnort gefunden und bin sehr gespannt, wieviel ich von Bulgariens Schönheit zu sehen bekommen werde.

Neben meinem „privaten“ Leben, habe ich auch meinen Arbeitsplatz kennengelernt: die Arbeit mit Kindern aus Romafamilien. Drei Worte, die es beschreiben: chaotisch, emotional und schön. Mehr dazu aber in paar Tagen in meinem nächsten Blogeintrag…

26 Stunden Reise + ersten Augenblicke in Sofia

Innerhalb von 26 Stunden bin ich zuerst mit dem Zug und später mit dem Bus von Wuppertal nach Sofia gefahren. Wenn ich ehrlich bin hat es sich aber nicht nach mehr als 10 Stunden Reise angefühlt. Vor allem durch den freien Sitzplatz neben mir im Bus, hatte ich relativ viel Beinfreiheit und konnte mehr oder weniger problemlos schlafen. Das einzige, was vom schlafen abgehalten hat, waren die ständigen Grenzkontrollen. Bei den insgesamt 3 Kontrollen, musste jeder Passagier aussteigen und sich in der Schlange aufstellen, damit die Beamten die Ausweise kontrollieren konnten. Einmal dauerte es 3 Stunden bis wir die Grenze passieren konnten.

Als der Bus endlich um 9 Uhr morgens bulgarischer Zeit in Sofia einfuhr, sah ich zum ersten Mal die Stadt, die ich nun ein Jahr jeden Tag sehen würde. Besonders auffällig waren die vielen hohen Wohnblöcke, die es nahezu an jeder Ecke in Sofia zu geben scheint. Sie sehen eher trist und alt aus. Außerdem wirkte die Stadt staubig und trocken. Die Sonne, die vom Himmel auf die 1,3 Millionenstadt schien, verlieh der Stadt einerseits einen trägen Charakter, aber andererseits bekam ich sofort das Gefühl Urlaub zu haben. Ich kann also sagen, dass ich zunächst gemischte Gefühle gegenüber meiner neuen Stadt hatte.

Am Busbahnhof abgeholt hat mich Louisa. Sie war seit einem Jahr Freiwillige in Sofia und wird in wenigen Tagen zurück nach Deutschland aufbrechen. Sie hat mich in der vergangenen Woche, die ich nun in Sofia verbracht habe, vor vielen Missverständnissen und Peinlichkeiten bewahrt. Besonders in den ersten drei Tagen, habe ich sie ununterbrochen mit Fragen bombardiert. Ich musste erstmal lernen, wie die Dinge hier funktionieren. Es fing schon mit kleinen Sachen an wie zum Beispiel, wo ich den Müll wegschmeissen kann und hörte auf mit Fragen wie, welche familären Hintergründe die Kinder aus dem Projekt haben. Durch Louisa konnte ich ein sehr großes Wissen innerhalb kurzer Zeit sammeln.

1 Jahr Vorbereitung für 1 Jahr Freiwilligendienst

Als ich mich im September 2018 für den Freiwilligendienst bei „Jessuit Volunteers“ beworben habe, habe ich gedacht, dass es erst so richtig in ungefähr einem Jahr mit meiner Abreise losgehen wird. Doch ich habe schnell gemerkt, dass ein Freiwilligendienst schon viel früher beginnt…

Zusammen mit den insgesamt 19 anderen Freiwilligen habe ich mich in dem letzten knappen Jahr auf 5 mehrtägigen Seminaren intensiv vorbereitet. Durch zahlreiche Vorträge, Spiele, geladene Gäste und Aktivitäten haben wir als Gruppe gelernt uns inhaltlich, aber auch mental auf unser Jahr im Ausland vorzubereiten. Dabei wuchsen wir als Gruppe immer mehr zusammen und die Seminare wurden vielmehr zu einem Treffen mit Freunden. Kurzgesagt: eine intensive, lustige und sehr schöne Zeit, wegen der sich der Freiwilligendienst jetzt schon gelohnt hat.